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Lachen in Kroatien

Wie anderswo auch ist das Erzählen von Witzen, vorzugsweise auf Kosten der Einwohner einer bestimmten Region eine beliebte Freizeitbeschäftigung; Priester, Nonnen und Schwiegermütter sind ebenfalls typische Opfer. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sind die Politiker als beliebte Inspiration und Subjekt von Witzen, sogar wenn man dafür ein paar Tage oder Monate Haft riskieren musste, verloren gegangen.

Ein beliebter Zeitvertreib der Menschen von Zagorje soll angeblich sein, ihre Nachbarn wegen Bagatellen zu verklagen.

Nach einigen Jahren harter Arbeit im Ausland ist Štef mit beträchtlichen Ersparnissen zurück in Zagorje. Ohne Zeit zu verlieren, fährt er mit dem Zug in die nahe Stadt. Der Haufen Banknoten, die er nachzählt, beeindruckt die Dorfbewohner, die neugierig sind, was er damit wohl anfangen wird. Beste Freunde

Kaufst du jetzt ein Haus?

Nein.

Einen Weingarten?

Gar keine Frage!

Ein Auto?

Ausgeschlossen!

Na, wofür gibst du dein Geld dann aus?

Ich werde euch alle verklagen!

Aber warum? Du warst so lange im Ausland und niemand von uns hat dir etwas Böses getan!

Na gut, ich weiß das selber noch nicht genau, aber ich bin sicher, bis ich die Rechtsanwaltskanzlei erreiche, fällt mir bestimmt etwas ein.

Die Bewohner von Zagorje sind auch gut bekannt für ihre ganz spezielle Art, Begründungen zu finden.

Ein Tourist, der durch ein kleines Dorf in Zagorje fährt, streift einen Radfahrer, der nach rechts gezeigt hat, aber nach links abbiegt. Beim Aufstehen, nicht nur vom Zusammenstoß sondern offensichtlich auch von ein paar Gläsern zuviel schwankend, schimpft er auf den Autofahrer, weil der sein Zeichen nicht beachtet hatte. Aber er habe doch nach rechts gezeigt, war der Fahrer verwundert. Sie Dummkopf, sagte der Radfahrer, können Sie sich nicht vorstellen, dass ich weiß, wo ich in dem Dorf, in dem ich geboren wurde, abbiegen muss. Ich habe Ihnen die Richtung gezeigt!

Menschen von Dalmatien sind bekannt dafür, dass sie keine vermeidbaren Anstrengungen machen.

Im tiefen Süden wendet sich ein ortsunkundiger schwedischer Tourist um Hilfe an zwei junge Kerle, Mate und Jure, die im Schatten eines großen Baumes an einer Querstraße faulenzen. Konfrontiert mit ihren verdutzten Gesichtern versucht er sie auf Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch zu fragen, aber vergebens. Nachdem er enttäuscht weitergegangen ist, wendet sich Mate an Jure und schlägt vor, doch wenigstens eine Fremdsprache zu lernen, um ähnliche Peinlichkeiten in Zukunft zu vermeiden. Jure weist diesen Vorschlag von der Hand: Was bringt es denn, eine Fremdsprache sprechen zu können? Der Mann, der eben vorbeikam, spricht sogar mehrere, aber hat ihm das geholfen?

Inselbewohner sind bekannt für ihre Knickrigkeit, aber die Einwohner der Insel Brač schlagen sie alle. Es wird erzählt, dass vor langer Zeit ein junger Mann nach Schottland geschickt wurde, um seine Fähigkeit zu sparen zu verbessern. Nach kurzer Zeit wurde der Bursche mit der Nachricht zurückgeschickt, dass man ihn nichts mehr lehren könne, im Gegenteil: er saß an den Abenden an der gemeinsamen Tafel (natürlich im Dunkeln, denn die Einheimischen sparten Strom) und hatte die Hosen ausgezogen, damit sie nicht zu schnell abgetragen werden.

Der Geruch von „fritule“, einer Delikatesse des armen Mannes, erreicht den Raum, in dem der Großvater auf dem Sterbebett liegt. Er schickt den Enkelsohn in die Küche, um ihm ein kleines Stück davon zu holen und ihm so den letzten Wunsch zu erfüllen. Sehr bald ist der Junge zurück, aber mit leeren Händen: Sie haben gesagt, du kannst nichts davon bekommen; es muss alles für den Leichenschmaus nach dem Begräbnis aufgehoben werden.

Die gleichen Inselbewohner können sich vergnügen, ohne zu viel auszugeben.

Während eines wichtigen Festes (Kirmes) in Dalmatien ist es üblich, Kanonenschüsse abzugeben und Knallbonbons zu werfen. Die Dörfer konkurrieren untereinander, welches Spektakel am eindrucksvollsten ist. Aber in einem Dorf auf der Insel Brač, das gegenüber der Meeresenge liegt, wurde kein einziges abgefeuert. Den verwunderten Besuchern wurde eine sehr einfache Erklärung gegeben: Sehen Sie, das Wetter war dieses Jahr sehr schön, das Meer war sehr ruhig, und so haben die Lichter und der Knall von der Küste auch für uns ausgereicht!

Witze erzählen kommt eigentlich erst an zweiter Stelle nach etwas, was in dem gesellschaftlichen Leben so tief verwurzelt und so natürlich ist, dass es kaum mehr wahrgenommen wird: das Necken. Das fast völlige Fehlen der Kunst der Geringschätzung der eigenen Person oder Understatement wird mehr als kompensiert durch diese Fähigkeit, die von früher Kindheit an entwickelt wird. Freunde werden sich oft erbarmungslos auf Kosten ihrer wirklichen oder zugeschriebenen hässlichen Erscheinung, ihres Übergewichts oder ihrer Unterwürfigkeit gegenüber ihren (keifenden) Ehefrauen hänseln. Sie necken sich wegen Dummheiten, die gestern Abend nach ein paar Gläsern zu viel begangen wurden, wegen des Fußballspiels, das die Lieblingsmannschaft verloren hat, wegen gebrochener Herzen, absolut wegen allem, was gerade auf der Hand liegt.

Erst dann, wenn Ihre kroatischen Freunde, ganz gewöhnliche Leute, anfangen Sie brutal zu necken, sind Sie kein Fremder mehr, sondern voll und ganz akzeptiert.

Eine gewisse Verdrießlichkeit, die beobachtet werden kann und in allen so genannten Übergangsländern anzutreffen ist, ist wahrscheinlich vorübergehend. Die Menschen werden langsam reifer und überwinden ihre Enttäuschung über die harte Marktwirtschaft und - möglicherweise noch schlimmer -, über das unerwartete Maß an Heuchelei und Selbstsucht der bis vor kurzem noch etwas naiv idealisierten Westen.



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Wie man in Kroatien überleben und sich sogar wohl fühlen kann - Ein Handbuch für Ausländer in Kroatien © Jakov Buljan, 2006
Illustrationen: Dubravko Mataković     Sprachen-Redakteur: Francesca Brizi